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Leseprobe

Ernst Jandl: Briefe aus dem Krieg

Olmütz, 14.10.43

Liebe Eltern und Brüder!

Herzlichsten Dank für die liebe Geburtstagsanzeige, die ihr mir geschickt habt. Sie gefällt mir sehr gut und ist großartig originell! Hat Mama meine 2 Briefe erhalten. Ist sie schon zu Hause. Geht es ihr und Roswitha gut? Laßt doch bitte mehr von Euch hören!

Ich überlege ständig, ob ich überhaupt auf den ROB-Lehrgang gehen soll. Das Kasernenleben wächst mir mit all seinem Drill und all seinen Schikanen schon zum Hals heraus. Die ganze Woche konnten wir bis heute noch nicht ausgehen. Morgen ist bis 24 h Nachtübung. Stundenlang exerzieren und üben wir mit der Gasmaske. Soll ich noch 4 Monate dieses Theater mitmachen, nur um nach 1 1/2 od. 2 Jahren Offizier zu werden? Außerdem kommt man zum Lehrgang mit 90% Sicherheit zur Infanterie. -

Bei uns ist es bereits wirklich kalt. Jeden Morgen liegt Reif. Heute fielen die ersten Schneeflocken.

Nun herzliche Grüße und Küsse Euch allen von eurem

Ernst


Liebste Eltern u. Geschwister!

Zwei Dinge stehen jetzt im Vordergrund unseres Daseins: Regen und Dreck. Während es fast pausenlos regnet, häuft sich im Graben immer mehr und mehr Morast an. Ich bin von Kopf bis Fuß eine Lehmkruste (außen natürlich), während ich unter den Hüllen ein scheinbar ideales Angriffsziel für Läuse bin. Jetzt erst wird mir der Begriff vom "Frontschwein" klar. Denn mehr ist man hier nicht. - Der Amerikaner lässt uns noch immer in Ruhe! - Von Euch weiß ich so gut wie nichts. Hoffentlich befindet ihr Euch wohl.

Herzlichst grüßt und küsst Euch

Euer Ernst

Bitte Brief an Mama senden.


Eng, 25.4.45

Meine Lieben!

Wenn man satt ist - und wann ist man das hier nicht? - und etwas tun kann, was einen voll und ganz interessiert - wie ich bereits schrieb, kann ich mich in großem Maß der englischen Sprache widmen -, wenn man sein warmes Bett und seine Zigaretten hat und obendrein auch in trübsten Zeiten von der Zukunft zu träumen noch nicht verlernt hat, was kann einem da schon ein Stacheldraht ausmachen, der zwar den Körper, nie aber dem Geist und der Seele die Freiheit rauben kann. es ist alles so ungewiß. Ich weiß von Euch nichts und Ihr bloß wenig von mir - wenn überhaupt etwas. Und doch dürfen wir den Mut nicht verlieren, den man braucht, um zu leben. Die neue Welt, die aus diesem furchtbaren Krieg hervorgeht, wird auch uns wieder zusammenführen und einen Platz zum Leben und Schaffen geben. - Es grüßt und küßt Euch voll Liebe

Euer Ernst

Textauszug aus Ernst Jandl: Briefe aus dem Krieg

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