Ernst Jandl und Ernst Jandl
Im Mai 1975 (exakt vom 5. bis zum 8. Mai) schreibt Jandl den ersten von mehreren Gedichtzyklen, die in den nächsten Jahren entstehen werden. Sein Titel "der gewöhnliche rilke". In dieser Serie von Gedichten konfrontiert er das Bild des erhabenen Dichters Rilke, jener Figur, die ganz der Literaturgeschichte angehört, mit dem alltäglichen (unlyrischen) Rilke, einem Mann, der atmen muss, Schuhe trägt und dessen Ruhm ihn nicht vor dem Tod bewahren konnte.
Obwohl Jandl das nicht wollte, kann dieser Zyklus dennoch als verkappt vorausdeutendes Selbstporträt gelesen werden, ein erstes, dem im Gegensatz zu seinen bisherigen Schreibgewohnheiten noch viele folgen werden.
In diesem Jahr 1975 setzen gravierende Veränderungen ein: Jandl muss sein Berufsleben neu organisieren. Er verlässt am 4. November 1975 seine alte Wohnung und zieht in eine neue, größere. Ein Wort spielt in seinen Gedichten eine immer stärkere Rolle, eine kleine Vokabel, die Jandl bisher mit voller Absicht sehr vernachlässigt hat, das Personalpronomen "ich". Insgesamt schlägt er eine neue Richtung in seinem Schreiben ein: Gleichgültig, ob Gedichte entstehen oder ob er an Theaterstücken oder Essays arbeitet, sein Alltag wird auf eine faszinierend abgründige Weise zum Inhalt seiner Gedichte. Er ist fast nur noch auf sich selbst verwiesen.
So einschneidend jede einzelne dieser Veränderungen ist, eines bleibt unangetastet: ihm geht es um Gedicht, um Kunst. Davon bringt ihn auch der Ruhm nicht ab, der langsam einsetzt und ihn in Höhen führt, die vor ihm Autoren wie Rilke erklommen haben. Zu Selbststilisierung sieht Jandl keine Veranlassung. Er bleibt, als wäre er der Bruder des "gewöhnlichen rilke", ganz und gar nüchtern der "gewöhnliche jandl" - obwohl: Mit den Nebenwirkungen des Ruhms muss auch er sich auseinandersetzen.
Textauszug aus "a komma punkt" Zur Buch-Info
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