Ernst Jandl und das Experiment
Wie fragwürdig der Begriff "Experiment" auch sein mag, um die Texte näher zu beschreiben, die seit 1957 von Jandl stammen - die Vorstellung, dass Jandl ein experimenteller Schriftsteller sei, hat sein Bild in der Öffentlichkeit ganz entscheidend geprägt. Das hängt damit zusammen, dass er mit seinen Sprechgedichten weit über den kleinen Kreis von Lyrikkennern hinaus bekannt wurde. Aber wer Jandl nicht vom verspäteten zweiten Start seiner literarischen Biographie verfolgt hat, für den besitzt das Wort "experimentell" dennoch etwas außerordentlich Einleuchtendes. Selbst von formal unauffälligen Gedichten wird dieser Eindruck geweckt, der zumindest insofern nicht in die Irre führt, als auch in diesen Versen Jandls erschüttertes Vertrauen in traditionelle Gedichtformen zu spüren ist, das alle seine Gedichte kennzeichnet, gleichgültig wie weit weg sie sich von konventionellen Formen bewegen bzw. wie nahe sie traditioneller Lyrik kommen.
Mit den Experimenten ab 1956 entdeckt Jandl für sich die Freiheit, sich der Formen zu bedienen, die er für angemessen hält: Entweder die Sprache in ihre Einzelteile zu zerlegen und mit Silben, Buchstaben und Lauten zu arbeiten oder konventionellere Formen zu verwenden, da er davon überzeugt ist, dass er nur auf diesem Weg zu dem angestrebten Gedicht gelangt. Nur ein Kriterium zählt für ihn: das Ausdrucks-Experiment, das jedes Gedicht für ihn in seinem Kern darstellt, soll zu einem guten Ende gebracht werden. Alle anderen Überlegungen (und im Grunde selbst das Denken in einem Begriffspaar wie Experiment / Konvention) haben sich dem unterzuordnen.
Textauszug aus "a komma punkt" Zur Buch-Info
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