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Epilog - Seite 6

Lässt das deine Angst vor einem Wiedererstarken nationalsozialistischer Elemente und einer nationalsozialistischen Politik, die wirklich Einfluss nehmen kann, aufkeimen?

Nein, nein. Ich sehe insofern positiv in die Zukunft, als ich glaube, dass es bei uns liegt, solche Dinge zu steuern und solche unerfreulichen politischen und gesellschaftlichen Erscheinungen im Keime zu ersticken.

Zurück zur Literatur. Du könntest doch stolz darauf sein, dass deine avantgardistische Literatur breite Anerkennung gefunden hat, dass du mit radikalen Versen einen Weg aus der Isolation und Nicht-Anerkennung gefunden hast.

Ich habe wenig Anlage, stolz zu sein, und ich habe wenig Grund, auf etwas stolz zu sein. Es liegt mir nicht, stolz zu sein. Aber vielleicht könnte man von einer gewissen Befriedigung darüber reden, dass künstlerische Erscheinungen, auf welchem Kunstgebiet auch immer, die vom reaktionären Publikum total missverstanden und abgewertet wurden, dass sie die Kraft hatten, das Publikum zu verändern. Vor allem das junge Publikum, wobei die Kraft natürlich nicht nur bei den Kunstwerken allein liegt, sondern da gehört schon von Seiten des Publikums ein großer Einsatz von Kraft dazu. Der wird immer wieder geleistet werden müssen, nicht nur in einem bestimmten historischen Moment, verpönte Kunst, verpönte Literatur ans Licht zu rücken und darüber zu reden als von einer normalen Sache, als von einer Sache, mit der man sich eben beschäftigen kann, und dass sie nicht auf Dauer als das Werk von Verrückten oder irgendwelchen Teufeln angesehen wird. Ich bin sehr erfreut darüber, dass man heute Schönberg, Webern, Alban Berg spielt, dass man sich ernsthaft damit auseinandersetzen kann, dass man zu vernünftigen Urteilen über diese Musik gelangt. In der Bildenden Kunst - ich bin höchst erfreut darüber - hat sich die gegenstandslose Kunst prachtvoll durchgesetzt, und ich merke mit einer gewissen Trauer, weil es mir zeigt, dass ich mich auch nicht ständig weiterentwickelte, dass es heute auf dem Gebiet der gegenstandslosen Kunst schon wieder künstlerische Manifestationen gibt, bei denen ich mich schwer tue mitzumachen.

Ist es denn auch gut, dass es im Bereich der Literatur heute starke Tendenzen gegen die Avantgarde hin zur Unterhaltung gibt? Leicht verständlich und eingängig sollen die Bücher sein. Müsste man sich nicht wieder von neuem für eine Avantgarde einsetzen?

Ja, wenn man Anzeichen dafür sieht, dass die Literaturkonsumenten avantgardistische Literatur, aus formalen Gründen schwierige Literatur, nicht mehr bereit sind aufzunehmen, dann müsste man vor allem als Literaturproduzent wieder einmal überlegen, ob man alles getan hat, um eine solche Beschäftigung mit schwieriger Literatur für andere möglich zu machen, also das heißt, selber schwierige Literatur zu schreiben, an der der Mensch sich begeistern kann, obwohl viele sagen werden, na, das verstehe ich nicht, das ist ein dummer Einwand. Ich finde, dass es heute durchaus Schriftsteller gibt, die hohe Anforderungen an ihr Publikum stellen, und das Publikum ist einverstanden damit, fühlt sich geehrt, dass ihm etwas zugemutet wird, zum Beispiel bei Friedericke Mayröcker. Ich finde das großartig, wie sie in der Prosa, in der Lyrik, im Hörspiel imstande ist, die Gefahren alles bloß Unterhaltsamen zu umgehen. Und mit welcher Überzeugung und mit welcher Kraft sie das tut. Also wir sind noch nicht verloren.

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