Hat es denn etwas Erleichterndes, wenn man als Autor über ein Werk verfügt: Lässt sich mit diesem Wissen leichter schreiben?
Das ist schwer zu sagen. Manchmal nein, manchmal denkt man, man hätte überhaupt keine Gedichte schreiben müssen und hätte mit der eigenen Zeit, sofern es eine solche gibt, etwas anderes anfangen sollen, als ausgerechnet Gedichte zu schreiben. Die meisten Leute fangen mit etwas anderem an, als ausgerechnet Gedichte zu schreiben, und manche finden das sehr ersprießlich, einen solchen anderen Weg zu gehen, aber sicher nicht unbedingt alle. Jeder Weg kann dann und wann oder überhaupt so in die Irre führen, dass man letzten Endes keinen wirklichen Ertrag findet. Nein, ich finde einen Ertrag, kann mich aber immer wieder fragen, wenn ich will oder wenn ich muss, ob dieser Ertrag die aufgewandte Zeit wert gewesen ist. Die Antwort fällt dann so oder so aus, in jedem Fall ist es eine Antwort für mich. Womit ich meine, dass ich das Zwiegespräch mit mir führe, wenn ich es überhaupt führe, und nicht mit einem anderen. Anderen gegenüber würde ich meine Produktion von Gedichten unbedingt verteidigen als eine sinnvolle, ein Leben ausfüllende Beschäftigung.
Hast du mit zunehmenden Jahren die Erfahrung gemacht, dass sich politisch etwas verbessert hat? Konkret: dass Nazis sich zu keiner bedeutenden politischen Größe mehr entwickeln können, was eine Erleichterung für dich sein müsste.
Ja, wenn ich mir sagen kann, die Tendenzen des Nationalsozialismus sind ein- für allemal verschwunden, so würde ich das unbedingt als erleichternd ansehen. Nicht nur für mein eigenes Leben, sondern für die Gesellschaft in der ich lebe oder für die Welt, in der ich lebe. Nirgendwo ein Anzeichen des Noch-Vorhandenseins oder Wiederauflebens von sogenanntem Nationalsozialismus. Ja, das wäre eine Erleichterung. Oder das ist eine Erleichterung.
Lässt es dich gelassen sein, dass du dir sagen kannst, was politisch auch immer geschieht, muss mich nicht mehr beschäftigen, darum sollen sich jüngere kümmern, die auch mit den Folgen der Entwicklung heute zu tun bekommen?
Das verstehe ich nicht ganz. Wenn es sich nur um mein Leben handelt, wenn es sich also nur um mich selber dreht, dann mag es sein, dass ich mir sagen kann, mit dieser Sache werde ich nie mehr etwas zu tun haben wollen oder zu tun haben. Aber ich meine, man lebt ja unter Älteren und Jüngeren, unter Gleichaltrigen, unter Andersaltrigen, und wenn man hier irgendwelche Tendenzen zu etwas Verabscheuungswürdigem sieht, das dann vielleicht doch als in irgendeiner Weise wünschenswert angesehen wird, dann ist das sehr bedrückend. Ganz egal, bei wem man solche Tendenzen feststellen mag. Also, bei der letzten Nationalratswahl in Österreich (am 3. Oktober 1999, bei der die FPÖ zweitstärkste Partei geworden ist, K.S.) hat die von Haider geführte Partei einen großen Stimmenzuwachs gehabt, das veranlasst mich nicht zu sagen, all die Leute, die diese Partei nun gewählt haben, seien Nationalsozialisten, was fürchterlich wäre, aber einige darunter wird es schon geben, für die das der richtige Weg zu sein scheint, weil ich gewisse Momente des Nationalsozialismus in dieser Partei zu finden glaube. Das ist sehr unerfreulich.
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