Siblewski: Ist das die Post von heute?
Jandl: Ja, Ausstellungseinladungen, wieder und wieder, Einladungen zu Eröffnungen von Ausstellungen, zu den meisten ich dann ohnehin nicht gehe. Dann ein Brief von einem der Krankenhäuser, in dem ich gelegen bin und ein Brief von meinem Steuerberater. Ich erinnere mich noch dunkel, worüber wir sprechen wollten?
Ich möchte mich mit dir über das Thema "Älter werden" unterhalten: Wie sind dir ältere Menschen vorgekommen, als du jung warst?
Gar nicht.
War für dich die Vorstellung, älter zu werden, überhaupt ein Thema gewesen?
Nein, wirklich nicht. Unter den älteren Leuten, sofern ich welche als Kind wahrgenommen habe, hat es einige gegeben, einige, die mir sehr gut gefallen haben. Und zwar war das der Großvater mütterlicherseits, also der Vater meiner Mutter, und die Großmutter väterlicherseits, also die Mutter meines Vaters. Die haben mir beide sehr gut gefallen. Sonst habe ich kaum alte Leute gesehen. Ich weiß nicht, seit wann ich mich mit dem Thema beschäftige, dass ich selbst einmal alt werden würde, älter, sehr alt oder doch ein bisschen alt. Ich weiß nicht, seit wann ich mich mit diesem Thema beschäftige. Das festzustellen wird am ehesten durch die beiden Werkausgaben mit datierten Gedichten möglich sein, da findet man ja einige Gedichte, die sich mit der schönen Problematik des Älterwerdens, falls es eine Problematik ist, auseinandersetzen und die datiert sind: Da kann man feststellen, wann ich daran zu denken begonnen habe, zumindest ab wann ich so daran gedacht habe, dass es in Gedichten auftaucht.
Was hat dir an deinem Großvater und an der Großmutter besonders gefallen?
An beiden der Geruch. Im Gegensatz zu den anderen Mitgliedern der Familie war der Großvater mütterlicherseits, Anton Rappel, ein leidenschaftlicher Raucher. Der Geruch von Zigaretten, des Zigaretten Rauchens, und der Geruch seines Älterwerdens, die kann ich beide nicht auseinander halten, sondern ich habe nur einen Geruch wahrgenommen, das war der Geruch des Zigarettenrauchens plus Älterwerdens. Der Geruch war angenehm, hat nicht zu irgendwelchen Nachahmungen Anlass gegeben, ich habe nie daran gedacht, einen Geruch nachzuahmen. Die Großmutter väterlicherseits hat natürlich nicht geraucht. Sie war älter als der Großvater mütterlicherseits, sie ist über achtzig geworden, was in unserer Familie schon ein bedeutendes Alter ist, und die dann auch ihren eigenen Geruch gehabt hat, anders als der Geruch bei jüngeren Leuten, falls ich an jüngeren Leuten überhaupt einen Geruch wahrgenommen habe. Also vor allem der Geruch. Beim Großvater väterlicherseits Würde, gepaart mit vielleicht einer gewissen Neigung zum Humor, einer Neigung, sich über andere Leute lustig zu machen. Hoffentlich hat er die gehabt.
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